Kleine Seejungfrau in der Ehekrise
Ich bin die kleine Seejungfrau aus dem Märchen von H. Ch. Andersen und habe meinen Prinzen geheiratet. Es ist A. und unsere Ehe dauert schon einige Jahre. Wir haben zusammen eine kleine Tochter, die genauso aussieht wie ich, als ich klein war. Aber als Preis für den Wunsch, auf dem Land bei meinem Prinzen zu leben, bin ich stumm und jeder meiner Schritte schmerzt wie ein Messerschnitt. Wir sitzen mit anderen Leuten, die zum Hof gehören, an einem großen Tisch, der direkt am Meer im Sand steht, und essen zu abend. Ich weiß, daß die Leute mich alle gern mögen, aber fühle mich trotzdem allein, da ich stumm bin und mich mit niemanden von ihnen unterhalten kann. Mit meinem Mann bin ich einmal glücklich gewesen, doch nun ist er kalt und gleichgültig. Ich empfinde tiefe Trauer deshalb, aber da ich meine Stimme verloren habe, kann ich es ihm nicht sagen, obwohl ich gerne mit ihm reden und ihm sagen würde, wie sehr ich ihn noch liebe. Ich kann nichts tun, verdammt dazu, mich nicht verständlich machen zu können. Früher haben wir uns nur durch unsere Blicke verstanden und ich versuche, seinen Blick aufzufangen. Doch er übersieht mich einfach, bemerkt mich nicht einmal mehr. Es macht mich sehr traurig und ich fühle mich hilflos. Nach dem Abendessen spiele ich ein bißchen mit unserer Tochter, umarme sie liebevoll und bringe sie zu Bett. Dann gehe ich, eine rote Rose in der Hand haltend, ins Meer hinein und spüre, wie ich mich in weißen Meeresschaum auflöse. Bald schwimmen nur noch einige Blütenblätter auf dem Wasser.
Träume von A. - Montag, 7. Dezember 1992, 00:26









